Schule des Vertrauens

Quelle: http://etmcms.de/fuldaaktuell/2010/03/30/atmosphaere-des-vertrauens/

Atmosphäre des Vertrauens

 Künzell-Pilgerzell. Ja, sicher: Es gibt Klassenräume, Turnhalle, Lehrerinnen und Lehrer – einen Herrn Rektor nebst Konrektorin…und natürlich Schülerinnen und Schüler, rund 400. Insoweit gibt die Florenbergschule als Grundschule in Pilgerzell ein ganz normales Bild ab. Ein zweiter Blick offenbart mehr: Der Schulhof ist irgendwie anders, bunte Steine, lustig und zum Spielen mit aufgetragenen Farben gestaltet. Eine Reifenbahn zum Klettern, zwei Klettergerüste, eine Tischtennisplatte, Fußballplatz nebst Torwand, Basketball-Korb, Wackelplatten… vieles davon unter Mitwirkung der Eltern entstanden. So kann es denn passieren, dass die Eltern der Schulanfänger statt salbungsvoller Worte bei Einführung der Erstklässler gleich mal etwas von „Muskelhypothek“ und „Mitwirkung der Eltern“ vom Direktor erfahren. Schulleiter Gerhard Renner mag es eher direkt und unverblümt: „Wir sind nicht nur auf elterliche Mitarbeit angewiesen, wir wünschen uns direkte Integration von Eltern in unseren schulischen Alltag, wo dies sinnvoll und erforderlich erscheint.“

Die althergebrachte Trennung von Elternhaus und Schule ist an der Florenbergschule lange überholt: Mütter betreuen Jungen und Mädchen in der schuleigenen Bibliothek. Laut Stundenplan eine Stunde in der Woche stöbern die Kids nach neuen Büchern, natürlich vom Computer-Suchsystem unterstützt. Schon Erstklässler suchen sich per Internet auch vom PC zu Hause ein Buch für das Lesen daheim aus. Apropos „Computer“: Für die Computer-AG gibt es einen eigenen Raum mit gleich 14 Computern für die Schüler und in jedem  Klassenraum einen vernetzten PC. Ab der dritten Schulklasse darf neben der Arbeit mit Grafik- und Textprogrammen (WORD)  im Netz gesurft werden, als zusätzliches Angebot, seit Februar mit Internetkinderschutz. Und damit die „Computerei“ nicht nur auf die Schule beschränkt bleibt oder gar daheim durch „Superman“ oder gar „Ballerspiele“ abgelöst wird, bietet die Florenbergschule über eine eigene Internet-Adresse unter www.florenbergschule.de/kinder ausgewählte und besonders kindgerechte Webseiten für zuhause. Stets aktuell und immer wieder überprüft. Luisa (9): „Ich lerne gerade Präsentationen am Computer vorzubereiten… natürlich mit Power Point.“ Aha, Power Point!

Trotz dieser technischen Moderne kommt das Musische nicht zu kurz. Vielmehr zählt die „Florenbergschule“ mit weiteren gut 100 Schulen in ganz Hessen zur Gruppe der zertifizierten „Musikalischen Grundschulen.“ Die Initiatorin an der Florenbergschule,  Lehrerin Annette Fuchs, meint zu diesem Projekt: „Musik schafft Verbindungen zu anderen Menschen, wenn ich gemeinsam singe, tanze oder instrumental musiziere. Verbindungen zu anderen Fächern, wenn ich den Rhythmus in einem Gedicht klatsche, eine Geschichte mit Klängen untermale, eine Gymnastikübung zu Musik ausführe oder Klänge in Farbe gestalte. Verbindungen zu anderen Ländern, wenn ich italienische, französische, spanische Lieder singe oder etwas über tschechische und russische Komponisten erfahre. Kinder können auf vielfältige Weise musikalisch tätig werden. Sie können singen, tanzen, rappen, sprechen, musizieren, aber auch zuhören und sich kognitiv mit musikalischen Inhalten auseinander setzen. Es gibt zahlreiche musikalische Stilrichtungen. Dieses ganze Spektrum kennen zu lernen bedeutet für die Schüler, die Welt der Musik zu entdecken.“

Zu dieser Zielsetzung passt es denn auch, wenn im EU-geförderten „Comenius Projekt“ seit 2008 jährlich wechselnde musikalische Themen aus England, Polen, der Türkei und Deutschland den Kindern nähergebracht werden. Musik – derzeit steht der türkischer Musiker und Komponist Asik Veysel im Fokus – eröffnet den Kindern Land und Leute, kulturelle Besonderheiten in Europa und soll nicht zuletzt Brücken bauen und den Kindern ein offenes Aufeinanderzugehen und Verstehen des vermeintlich Anderen ermöglichen.

Auch die eingangs erwähnten Spiel-, Spaß- und Sportgeräte dienen nicht nur der bloßen Pausen-Füllung. Rektor Gerhard Renner und seine 25 Kolleginnen und Kollegen kennen die wissenschaftlich gestützte Problematik. „Viele gesundheitliche Defizite bei Kindern, aber auch eng damit verbundene Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen, Hypermotorik, Defizite sozialer Verhaltensweisen oder die Neigung zu Gewalt müssen auch unter dem Aspekt mangelnder Bewegung gesehen werden. Wenn 40 bis 60 Prozent der Kinder an Kreuzschmerzen, über 30 Prozent an Übergewicht und über 40 Prozent an Konzentrationsschwäche leiden, so sind das alarmierende Zeichen“, sagt Sportfachleiter Rainer Wendel.

Die Florenbergschule hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, dass Schulhof und Schulgelände vielfältige Anreize zur „aktiven Pause“ zur kind- und bewegungsgerechten Nutzung bieten sollen. Seit Januar 2008 verfügt die Grundschule in Pilgerzell, die in Trägerschaft des Landkreises Fulda steht, über neue Betreuungsräume in der ehemaligen Hausmeisterwohnung. An dieses reguläre Betreuungsangebot für Schulkinder bis 13 Uhr bietet anschließend der von engagierten Eltern im Herbst 2004 gegründeten Förderverein „Lirum-Larum e.V.“ die Möglichkeit einer bis 16 Uhr andauernden nachschulischen Betreuung.

Betreuung über das pure Lernen hinaus, Bewegung als Ausgleich zum Hocken im Klassenzimmer, Projekte unterschiedlicher Thematiken und gemeinsames Arbeiten mit den Eltern. „Die Florenbergschule ist Schule für Kinder, Lehrer und Eltern“, sagt Schulleiter Gerhard Renner. „Wir wünschen uns, dass unsere Kinder in einer Atmosphäre des Vertrauens eine Freude zur Leistung entwickeln und zu Menschen heranwachsen, die soziale Verantwortung übernehmen, partnerschaftlich handeln, offen und fair miteinander umgehen, selbstständig arbeiten und Entscheidungen treffen können.“ So ist es auch nachzulesen in der schuleigenen Verhaltensvereinbarung. Es sind Werte, die hier beschrieben werden, keine schulischen Lernziele. Werte, die vermittelt und gelebt werden sollen. Eltern und Lehrer einer jeden Klasse „besiegeln“ gewissermaßen diese Vereinbarung durch gemeinsame Unterschriften.

„Wenn Kinder nach ihrer Zeit an der Florenbergschule an den weiterführenden Schulen erfolgreich sind und sich auch Jahre später noch gerne an ihre Schulzeit und die Lehrkräfte in Pilgerzell erinnern, haben wir das Richtige getan“, betont Rektor Renner.

In diese Konzeption passt auch die Klassensprecher AG, die sich den Namen ‚Schülervertretung der Florenbergschule‘ gegeben hat und derzeit mit anderen Gremien der Schule am Schulklima arbeitet: Was finden wir gut an unserer Schule? Was wünschen wir uns für unsere Schule? Was können wir zum Schulklima beitragen?

Natürlich gibt es auch „normale“ Schule an der Florenbergschule mit Deutsch, Mathe, Sachkunde, Sport, Kunst, Religion, Englisch…und wenn es dann ausgerechnet als Vertreter Deutschlands bei der Mini-WM in diesem Jahr gleich in der Hinrunde nicht so ganz reicht, dann trauert die gesamte Schule…allen voran der Direktor. „Es wäre schon schön gewesen, wenn wir ein bisschen besser im Turnier abgeschnitten hätten“, so Renner,“ Jetzt muss die echte Nationalmannschaft eben unsere Kohlen aus dem Feuer holen!“

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