Empfehlungen zur Schulreife

==>   Empfehlungen zu Schulreife und Schulfähigkeit,  siehe auch FZ vom 10.12.2005: Eltern und Lehrer sind gemeinsam gefordert  und Merkblatt Schulaufnahme

Sind schulunfähige Kinder die ausbildungsunfähigen Jugendlichen von morgen?

Diese Frage muss angesichts immer stärker werdender Klagen aus Berufsschulen und Betrieben schon heute gestellt werden.  Eine Antwort muss gleichwohl offen bleiben, da jeder Mensch  sich je nach eigenem Willen und Vermögen sowie von außen kommender Forderung und Förderung individuell entwickelt. Es ist daher absolut nicht empfehlenswert, bereits vor Eintritt in die Schule der künftigen Entwicklung in und nach der Schule vorgreifen zu wollen. („Mein Kind kommt mal aufs Gymnasium…, mein Kind wird später mal…“)

Dennoch gibt es Grundsätze, mit denen Eltern bereits vor Eintritt in Kindergarten oder Schule ihren Kindern bei der Suche nach eigener Identität und selbst gesteuertem Leistungsvermögen behilflich sein können. So sollten Kinder schon frühzeitig lernen, sich z.B. beim Spielen längere Zeit alleine auf eine Sache konzentrieren zu können. (Bauen, malen, Bilderbücher anschauen…). Sie sollten auch gewohnt sein, Eltern und Erwachsene, die ihnen beim ‚Groß werden‘ und der Suche nach der eigenen ‚Berufung‘ behilflich sein müssen, zu respektieren. Und Regeln anzuerkennen, die im Bildungssystem für ein positives Lernklima sowie das erfolgreiche soziale, kooperative und  individuelle Arbeiten von besonderer Bedeutung sind. Auch Bereitschaft zur Anstrengung ist eine wichtige Voraussetzung, um im Leben auch nach der Schule zurecht zu kommen.

Eigentlich sind das Selbstverständlichkeiten, die jedoch immer öfter nicht mehr überall selbstverständlich erscheinen. Hinzu kommen äußerst kontraproduktive Faktoren wie übersteigerter Medien- und Computerkonsum.  Sie behindern inzwischen nicht nur den Bewegungsdrang von Kindern, sondern tragen in erheblichem Maße auch zu den von immer mehr PädagogInnen beklagten Konzentrationsmängeln und einer  gesteigerten Aggressionsbereitschaft von Kindern bei.

Es ist daher für alle Eltern und Erzieherinnen wie Lehrkräfte wichtig, immer wieder grundsätzliche Überlegungen zur Schulreife und Schulfähigkeit anzustellen und darüber im Dialog zu bleiben.

Auf dieser Seite erfolgt der Abdruck eines Briefes der Florenbergschule an Eltern von Kindern im Kindergarten mit Empfehlungen zur Schulreife und  Schulfähigkeit. Die angefügte Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Auch ist für einen erfolgreichen Schulstart nicht die vollständige Erfüllung aller aufgelisteten Punkte Voraussetzung. Dennoch soll die Liste eine Orientierung für Eltern anbieten, wie sie die Schulfähigkeit und Schulreife ihrer Kinder unterstützen können.

 

Florenbergschule

Rössengraben 1 · 36093 Künzell  · Tel: 0661-33122  ·  Fax: 0661-9336790  ·  www.florenbergschule.de

An die Eltern

im Kindergarten

Pilgerzell, im Oktober 2005

Liebe Eltern,

umseitig finden Sie eine Liste von Empfehlungen  und Fördermöglichkeiten, die sich aller Erfahrung nach für den erfolgreichen Besuch des Kindergartens bzw. einen guten Schulstart sehr positiv auswirken. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Auch bemisst sich die nach den ersten 6 Lebensjahren festzustellende Schulreife und Schulfähigkeit nicht an der kompletten Erfüllung aller Punkte. Viele der aufgelisteten Fähigkeiten können sich zudem aus einem geordneten und vielseitigen Gemeinschaftsleben von Familien ergeben, ohne dass sie bewusst erlernt werden müssen.

Wenn Sie die Liste lesen, werden Sie vermutlich selbst merken, dass viele der darin angesprochenen Fähigkeiten in Ihrer eigenen Kindheit zunächst weitgehend im Elternhaus bzw. Ihren Familien vermittelt wurden. Wenngleich sich seither viel im Verhältnis Eltern /ErzieherInnen/Schule und Kindern geändert hat, so können Sie auch heute als Eltern bzw.  Familien  Ihre Kinder maßgeblich unterstützen, indem Sie erforderliche Verhaltensweisen und Fähigkeiten einüben, bei denen die Kinder in ihrer Entwicklung und Reife frühzeitig, auch schon vor dem Eintritt in den Kindergarten gefördert und auf das gemeinschaftliche Zusammenleben bzw. Lernen in größeren Gruppen vorbereitet werden.

Je früher die für das Lernen und Verhalten in Gruppen erforderlichen  Verhaltensweisen eingeübt und von den Erwachsenen vorbildhaft gelebt werden, umso leichter fällt es Kindern, erforderliche Regeln anzunehmen und einzuhalten. Ist ein Kind  jedoch beispielsweise gewöhnt, anderen ständig ins Wort zu fallen, so ist es sehr schwer, ihm das wieder abzugewöhnen. Auch ist es im Sinne einer gedeihlichen Entwicklung kaum förderlich,  wenn Kinder gewohnt sind,  ständig ihren  Willen durchzusetzen. Es ist daher ratsam, überschaubare und sinnvolle Regeln aufzustellen, die dann auch konsequent eingehalten werden müssen und deren Übertreten Folgen haben sollten, da sie sonst von Kindern meist nicht mehr beachtet werden.

Seien Sie bitte Ihrem Kind auch ein Vorbild, indem Sie selbst gute Umgangsformen vorleben. Kinder orientieren ihr Verhalten an den Erwachsenen, mit denen sie täglich zusammen leben. Auch wenn der Begriff ‚Respekt’ nicht bei jedem angenehme Gefühle erweckt, so ist er doch für das Verhältnis zwischen Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen  einerseits und den Kindern andererseits sehr wichtig und erleichtert die Bildungs- und Erziehungsarbeit erheblich, nicht zuletzt auch in den Familien selbst. Diskussionen in der Erziehungsarbeit sind wichtig, aber auch das Anerkennen von Regeln, die Eltern sowie Erzieherinnen/Lehrkräfte aus wohlüberlegten Gründen vorgeben müssen, ohne dass diese von den Kindern ständig hinterfragt werden sollten. Es muss  das Vorrecht von Erwachsenen bleiben, zu entscheiden, wo diskutiert wird und wo nicht.

Immer öfter hören wir in gemeinsamen Gesprächen von entnervten Eltern Sätze wie „Ich weiß auch nicht mehr weiter!“    oder    „Mein Kind hört nicht auf mich!“    Lassen Sie es  bitte schon aus eigenem Interesse nicht so weit kommen. Zudem gilt: Kinder, die mit ihren Eltern machen dürfen, was sie wollen, nehmen sich dieses ‚Recht’ dann auch gegenüber Erzieherinnen und Lehrkräften heraus. Dies bedeutet bei Gruppen mit  bis zu 28 Kinder, dass in besorgniserregend zunehmendem  Maße ein erheblicher Anteil von Zeit und Kraft der mit der Bildung und Erziehung von Kindern beschäftigten Personen dafür verwendet werden muss, sich immer und immer wieder mit erheblich gruppenstörendem Verhalten solcher Kinder beschäftigen zu müssen. Dies wiederum geht dem Unterricht verloren und bedeutet nichts weniger, als dass Kindern zunehmend weniger lernen, weil die Aufmerksamkeit für die Lehrkraft und die Unterrichtsinhalte nicht mehr in dem Maße aufgebracht wird, wie dies für die Arbeit der Bildungseinrichtungen Kindergarten und Schule von größter Wichtigkeit ist. Stattdessen geht wichtige Energie für ständige Auseinandersetzungen verloren, die vermeidbar wären, wenn Kinder mehr Respekt vor Erwachsenen und den von ihnen eingeforderten Regeln hätten.

‚Wir wissen selbst am Besten, wie wir unser Kind erziehen“! oder „Erziehung? Das mache ich nicht. Das übernehmen doch Kindergärten und Schulen. Die bekommen Geld dafür!“  Eltern, die so denken, haben möglicherweise nicht bedacht, dass Eltern und Kindergärten/Schulen nicht nur laut hessischer Verfassung Erziehungspartner sind. Vieles lernen Kinder in  Erziehungs- und Bildungseinrichtungen wie Kindergärten und Schulen. Es wäre jedoch ein weitreichender Trugschluss, wenn Eltern fälschlicherweise meinen sollten, aus Unkenntnis, Bequemlichkeit oder Überforderung die Pflicht zur Erziehung ihrer Kinder  auf diese Einrichtungen übertragen zu können.  Da dort in Gruppen mit bis zu 25 bzw. 28 Kindern gearbeitet wird, kann ohne eine vorherige erzieherische Vorleistung in der Familie keine gedeihliche Arbeit in den Gruppen entstehen.

Unsere Empfehlung:

Arbeiten Sie bitte mit eng den Erzieherinnen zusammen. Sie wurden über Jahre ausgebildet und sind kompetent in Beobachtung  und Beratung. Suchen Sie bitte das Gespräch mit ihnen, nicht nur zwischen Tür und Angel. Nehmen Sie die Ratschläge der ErzieherInnen  ernst und holen Sie sich Hilfe von Unterstützungseinrichtungen, wenn Sie auf Entwicklungsauffälligkeiten aufmerksam gemacht werden. Es ist keine Schande, Hilfe zu suchen. Fassen Sie es bitte auch nicht als persönliche Kritik auf, wenn ErzieherInnen Sie auf Probleme Ihres Kindes aufmerksam machen. Sehen Sie es vielmehr als Chance für Ihr Kind, rechtzeitig Hilfe zu bekommen. Je früher das geschieht, umso größer sind die Chancen, dass Kinder Entwicklungsverzögerungen oder -probleme aufholen und altersgemäß schulfähig werden.

Zum Wohle der Kinder müssen wir auch in Zukunft Partner bei Bildung und Erziehung bleiben. Wir freuen uns, wenn wir diese Aufgabe mit Ihnen zusammen wahrnehmen dürfen.

 

Gerhard Renner                                                                            Liane Bub
Rektor der Florenbergschule                                                        Vorklassenleiterin



Empfehlungen / Fördermöglichkeiten für Vorschulkinder,
die im Rahmen familiärer Erziehung angebahnt werden sollten
(zusammengestellt von Liane Bub, Vorklassenleiterein der Florenbergschule)

 Sozial-emotionaler Bereich

  •       Regeln aufstellen und für deren konsequente Einhaltung sorgen
  •       Gesprächsregeln einüben / Zuhören können
  •       Geduld üben / abwarten können
  •       Rücksichtnahme üben
  •       Respekt vor Erwachsenen vermitteln
  •       Kontakte zu Gleichaltrigen pflegen
  •       Verbale Konfliktbewältigung lernen
  •       Frustrationstoleranz aufbauen
  •       Fernsehen und Computer auf ein Minimum reduzieren (v.a. kein eigenes TV)
  •       Aufgaben ermöglichen, bei denen das Kind seine Handlung planen muss
  •       Selbstständig die Aufgaben erledigen lassen, auch wenn es lange dauert (è Hilf mir, es selbst zu tut)
  •       Übersichtliche Strukturen im Kinderzimmer aufbauen und Aufräumen üben
  •       An- und Ausziehen üben

 

Kognitiver Bereich

  •       Lieder und Gedichte lernen
  •       Gesellschaftsspiele spielen  (und dabei auch ‚Verlieren’ lernen )
  •       Puzzle, Memory (Geschicklichkeits- und Gedächtnisschulung)
  •       Geschichten vorlesen und nacherzählen lassen. Dabei chronologische Reihenfolge beachten
  •       In vollständigen Sätzen sprechen üben und baldmöglichst sog. ‚Babysprache’ vermeiden
  •       Material zum Bauen und Konstruieren anbieten (Duplo, Lego, Bauklötze u.a.)
  •       Neugier wecken und fördern
  •       Anreize bieten durch Zoo- und Museumsbesuche, Kinderakademie u.ä.
  •       Freies Experimentieren zulassen

 

Psychomotorischer Bereich

  •       Möglichst vielfältige Bewegungsanreize schaffen
  •       Klettern, Balancieren, Schaukeln etc.
  •       Über-Kreuz-Bewegungen üben (motorische Koordinationsübungen)
  •       Rückwärts gehen
  •       Bälle werfen, fangen, prellen
  •       Seil springen
  •       Fahrrad fahren
  •       Schwimmen
  •       Frei malen mit verschiedenen Stiften und Farben (konzentriert und still arbeiten)
  •       Kneten
  •       Perlen auffädeln, Steckspiele
  •       Ausschneiden, Basteln, Werken
  •       Spiele mit verbundenen Augen
  •       Materialerfahrungen sammeln
  •       Sinne schulen durch Fühlen, hören, riechen schmecken
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